Bericht Alpenüberquerung 2008

Eine etwas andere Ballonfahrt

 

Alpenüberquerung von Andreas Zumrode und Uwe Schneider am 23. Januar 2008
 

Nie hätte ich im Vorfeld gedacht, dass sich mir kurzfristig die Möglichkeit bieten würde, die Alpen im Heißluftballon zu überfahren.

Wie in den Jahren zuvor freuten wir (meine Familie und ich) uns auf den zweiwöchigen Winterurlaub im Allgäu.

Gleichzeitig wollte ich zusammen mit meinen Verfolgern Michael und Jochen mit unserem Vereinsballon D-OSVO (Warsteiner, 3000 m³) an einer der zahlreichen Veranstaltungen teilnehmen.

In diesem Jahr hatten wir uns entschieden bei Ernst Bauer aus Sonthofen an der 2. WWM (Warsteiner Winter Montgolfiade) vom 20.- 26. Januar 2008 teilzunehmen.

Am 21. Januar, zwei Tage vor unserer Alpenüberquerung, kündigte der Meteorologe Michael Noll bereits das an, womit wohl niemand gerechnet hat, aber insgeheim hoffte: Eine mögliche Alpenüberquerung von Nord nach Süd, von Deutschland bis nach Italien.

Ich hatte leider in diesem Jahr nicht die notwendige Ausrüstung mitgenommen, da in den Jahren zuvor keine Überquerung möglich war und wir das ganze „Gewicht“ im Auto nicht noch einmal umsonst mitnehmen wollten, denn allein die Sauerstoffflasche wiegt ca. 15 kg. Außerdem nahm der Kinderwagen den dafür benötigten Platz bereits ein.

Es reizte mich allerdings schon sehr und ich sah bereits vor meinem geistigen Auge die Ballone ohne mich am Himmel gen Süden rasen.

So verging die Nacht und der kommende Tag brachte die Gewissheit, dass es sicher sein wird, dass für den 23. Januar die Wetterkonstellation passen wird. Der Wettbewerbsleiter fragte beim morgendlichen Briefing ab, wer bei der Alpentraversierung teilnehmen möchte. Ungefähr 15 Ballonpiloten hoben ohne lange zu zögern den Finger. Es wurde eine Liste herumgereicht, auf denen die Namen der Piloten und die Kennung für die Aufgabe des Flugplanes notiert wurden.

Ich musste leider verneinen, obwohl ich von mehreren befreundeten Piloten Unterstützung zugesagt bekam, wenn es um die fehlende Ausrüstung ging. Aber da war noch ein Problem: Ich habe nur das deutsche Funksprechzeugnis, was nicht ausreicht, um durch den Luftraum in Deutschland, Österreich und Italien zu fahren.

Abends im Hotel von Ernst Bauer saßen die Teams zusammen im Gespräch, um das bevorstehende Abenteuer zu besprechen.

Ich wusste, dass Uwe Schneider (sehr bekannter Heißluftballonfahrer, der bereits viele Wettfahrten gewonnen hat und Weltmeister geworden ist) ebenfalls mit dem Gedanken spielte, die Alpenfahrt mitzumachen, jedoch mit seinem kleinen Ballon nicht die notwendige Hüllenmindestgröße hatte, um die Fahrt zu absolvieren. Da kam mir eine Idee, von der beide profitieren würden.

Ich stelle den Vereinsballon zur Verfügung und Uwe die Ausrüstung, zusätzliche große Gasflaschen von Uwe Schneider und wir beide machen die Alpenüberquerung zusammen.

Nachdem ich Uwe gefragt hatte, ob er einverstanden ist und ich die Freigabe meiner Frau Heike erhalten hatte (quasi meine private Flugsicherung) konnte die Sache kurzfristig in Angriff genommen werden.

Nach einer nicht so ruhigen Nacht, ging es morgens gegen 9:00 Uhr zum Briefing nach Bad Hindelang. Die Veranstaltungsleitung um Ernst und Harry hatten sich entschieden, den Startort weiter Richtung Osten zu verlegen, da der Wind in unserer geplanten Fahrthöhe von ca. 4500-5000 Meter aus NNO kommen sollte. Um nicht bei der Landung zu weit nach Mailand zu kommen, fuhren wir im Konvoi Richtung Füssen und dann weiter vorbei an der Wieskirche um dann schließlich auf einem schönen verschneiten Feldweg bei Schwarzenbach ca. 1,5 km östlich der Wieskirche mit dem Aufrüsten der Ballone zu beginnen.

 

Der Korb war schnell fertig gepackt. Wir hatten 6 große Gasflaschen (50 l) und eine kleine (40l) im Korb verstaut. Uwe hatte zusätzlich zu unseren Standardinstrumenten seinen Laptop mit. Das technische Aufrüsten hat beim Ballonfahren längst begonnen.

Die ersten Ballone waren gestartet und stiegen schnell auf Höhe. Wir hatten es etwas ruhiger angehen lassen und waren der viertletzte Ballon, der sich um 9:40 Uhr lokal in die Luft erhob. Dann war die Devise: Steigen, steigen und weiter steigen. Mit bis zu 4 m/s heizten wir den Ballon nach oben. Zunächst ging es in Richtung Norden (falsche Richtung, aber keine Sorge, das sollte sich ändern). Bei ca. 3000 m über dem Meeresspiegel drehte die Richtung und es wurde deutlich schneller. Endlich nördliche Winde mit über 70 km/h. Italien wir kommen!

Die zuerst gestarteten Ballone waren so weit voraus, dass ich dachte, sie wären fast schon in Italien. Aber da hatte ich mich anscheinend getäuscht, denn über Funk hörten wir immer wieder Meldungen über den aktuellen Standort der Anderen.

Schnell war die erste Bergkette überfahren und das Innsbrucker Tal war zu sehen. Weiter ging es über die tief verschneiten Berge in Richtung Öztaler Alpen. Eine tief im Tal liegende Staumauer nördlich des Öztal Gletschers kam ins Sichtfeld. Die Temperaturen waren trotz der Erzählungen von Piloten, die bereits über die Alpen gefahren waren, an diesem Tag mehr als angenehm. Wir konnten sogar unsere dicken Jacken ausziehen und im Pullover den strahlend blauen Himmel mit der wärmenden Sonne genießen.

Einen kleinen Schreckmoment gab es, als wir über Funk hörten, dass einer der Ballone einen kurzzeitigen Brennerausfall hatte. Diesen Ballon konnten wir gut vor uns ausmachen. Früh genug über den Berggipfeln hatte er den Brenner wieder an und stieg bereits wieder nach oben. Dieses Ereignis brachte denke ich allen ins Gedächnis, dass eine Alpenüberquerung im Ballon gut geplant werden muss und mit Konzentration durchgeführt.

Bei uns gab es keinerlei Probleme. Wir fuhren weiter in Richtung 190° mit jetzt über 90 km/h.

Unter uns konnten wir an den Gipfeln die Schneeverwehungen sehen, daher gilt grundsätzlich die Devise hoch genug über die Berge zu fahren, um den Turbulenzen aus dem Weg zu gehen.

Die zuerst gestarteten Ballone hatten langsam die Poebene in Sicht und meldeten dies über Funk. Der Gardasee blieb links liegen und es wurde bereits von dem ein oder anderen vom vorrausichtlichen Landegebiet gesprochen.

Nach gut drei Stunden Fahrt sahen wir ebenfalls die flache Poebene vor uns hinter den weißen Bergen auftauchen. Welch extreme Änderung uns dort landschaftlich erwartete, davon war ich sehr erstaunt. Wir waren im weißen Allgäu vor gut drei Stunden gestartet und nun waren wir wie in einer Zeitreise plötzlich im Frühling angekommen. Wer das schon einmal selber erlebt hat, der kann dies nachvollziehen, welch seltsames Gefühl das ist. Ich hatte vor einigen Jahren bereits als Verfolger (=der, der mit Auto und Anhänger den Ballon wieder einsammelt) eine Alpenüberquerung mitgemacht und hatte diesen optischen als auch klimatischen Schock am Boden miterlebt. Aber aus der Luft war es um ein vielfaches beeindruckender.

Wir fuhren über den parallel, westlich vom Gardasee gelegenen Lagro di Idro. Wir stiegen ein wenig tiefer mit dem Ergebnis, dass wir unverzüglich langsamer wurden mit nur noch 35 km/h. Das hätte uns zu viel Zeit und Gas gekostet, da wir bis zur Autobahn fahren wollten, um dann abzusteigen und einen Landeort zu suchen. Wir stiegen wieder und das GPS zeigte die gewünschte höhere Geschwindigkeit an.

Als wir die letzten flacheren Berge überfahren hatten, machten wir uns bereit, den schnellen Abstieg einzuleiten.

Mit fast 7m/s ging es runter. Nachheizen war da nur noch sporadisch angesagt um die Hülle nicht zu sehr auskühlen zu lassen. Der Ballon fing ans sich zu drehen und die unter den Ballonfahrern bekannte Beule in der Hülle konnte man aus dem Korb gut sehen.

Etwa 500 m über dem Boden verlangsamten wir den Fall und gingen dann mit 2m/s fallen weiter nach unten. Aufgrund unserer Beobachtung, dass die anderen Ballone am Boden wieder in Richtung Norden getrieben wurden, wussten wir bereits, dass wir in dieser Richtung Ausschau nach einem Landegelände halten mussten.

Wir überfuhren die Autobahn und sahen etwa 400 m vor uns geeignetes Landegelände. Leider gab es keine schönen grünen Wiesen in der Gegend, also musste ein Acker ohne Einsaat herhalten. Vor einer, wie sich nachher heraus stellen sollte, unbewohnten Villa, zog ich den Parachute und wir setzten mit ca. 10 km/h sanft auf, ließen aber die Hülle sofort in sich zusammen fallen, da das Feld relativ klein war. Nach 4 Stunden, 10min und 248 Km Strecke waren wir sicher gelandet. Die Chance, so eine Fahrt so bald wieder erleben zu dürfen, wird nicht so schnell wieder kommen, das war mir bewusst.

Nachdem wir aus dem Korb gekrabbelt waren beglückwünschte mich Uwe zu meiner ersten Alpenüberquerung.

Nun galt es zu klären, wo denn unsere Verfolger mit dem Auto waren. Nach einigen Telefonaten von Uwe war klar, dass wir noch etwas warten müssen, bis die Beiden, das waren Jochen und Silke, die Zwillingsschwester meiner Frau, bei uns sein würden.

Also machten wir uns zunächst daran, die Hülle zu verpacken, den Korb leer zu räumen und alles an den Straßenrand zu tragen, die etwa 40 m weit weg war.

Etwas Pech hatten wir mit unserem gewählten Landeort.

Ich dachte immer, nach einer Landung in Italien würden Heerscharen an hilfsbereiten Italienern herbeieilen und beim Verpacken helfen und uns zu einer netten Brotzeit zu sich nach Hause einladen, so kannte ich die Berichte von anderen Piloten, nachdem Sie von den Alpenüberquerungen zurück kamen.

Wir hatten anscheinend eine etwas „tote Gegend“ erwischt bei der Landung. Alles was wir an Einheimischen sahen, waren ganze vier Personen, die am Straßenrand mit dem Fahrrad anhielten, um dann anschließend direkt weiter zu fahren.

Da wir unser Equipment nicht alleine stehen lassen wollten, um nach einer guten Pizzeria zu suchen, warteten wir ca. 2,5 Stunden, bis unser Verfolgerteam auftauchte. Es war mittlerweile dunkel geworden und auch kalt, so dass wir froren.

Es war relativ klar, dass wir noch am selben Abend direkt ins Allgäu zurückfahren wollten, also wurde nicht lange gezögert, alles verstaut und ab auf die Autobahn.

Eines wollten wir aber unbedingt machen, solange wir auf italienischen Boden waren: Eine echte italienische Pizza essen!

Wir hatten nach der Landung Kontakt mit dem Ballon von Moritz Wiczoreck und Markus Pieper gehalten, die nicht weit von uns gelandet waren.

Auf der Autobahn entlang des Gardasees suchten wir nach einer Ausfahrt, die uns zu einem netten Dörfchen führen sollte. Dies war mehr als schwierig, da entweder die Gastätten geschlossen waren, wenn wir überhaupt eine sahen, oder die Örtlichkeiten nicht gerade einladend wirkten. Nach etwa 15 Minuten Irrfahrt durch die Serpentinen eines kleinen Dorfes nördlich des Gardasees abseits der Autobahn. hatten wir was Passendes gefunden.

Ich lud die anderen auf eine Pizza und was zu Trinken ein. Langsam entlud sich die Müdigkeit und die Anspannung des ganzen Tages. Meiner Frau brachte ich als Souvenir eine Pizza mit. Der italienische Mitternachtssnack kam bei ihr gut an.

Gestärkt ging es auf den weiten, langen Rückweg, der noch vor uns lag.

Gegen Mitternacht kamen wir in Bad Hindelang an, wo wir das Team um Ernst Bauer trafen. Zusammen fuhren wir zum Hotel von Ernst, um dort noch kurz zusammen zu sitzen und von der Fahrt zu erzählen.

 

Ich hatte es geschafft. Meine erste (hoffentlich nicht letzte) Alpenüberquerung lag hinter mir.

Ich danke allen, die uns dabei zur Seite gestanden haben. Meiner Frau, die mich bei meinem Hobby unterstützt, unseren Verfolgern Jochen und Silke, meinem Begleiter im Ballon Uwe Schneider, und natürlich bei dem Freiballonsport-Verein Münster, ohne dessen Ballon ich die vielen Fahrten, insbesondere diese eine nicht hätte machen können.

 

Ich wünsche allen Ballonfahrern allzeit gut Land und Glück ab!

Bilder gibt es hier zu sehen

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